Monat: Dezember 2013

Neuparadiesische Unterwelten

Wieder einst Unterwelten und wahrlich Geheimnisvolle standen Samstagnachmittag an. Genannt die keiner-weiss-so-recht-Unterwelten Neuparadies in Thurgauer Gemeinde Schlatt.

Mundloch Stollen Paradies

Zu viert, erkundeten am letzten Samstag wir dies Unterwerk sehr detailiert, die Zeit untertags verstrich im Fluge.

Das Stollenwerk ist, obwohl verschiedentlich von breiter Erwähnung gesprochen wird, eher unbekannter Herkunft. Somit bleibt auch meine Datierung, um 1840 entstanden, eine Annahme.

Klar ist, die ausgedehnten Stollenbauten sind auf, respektive, in Sand, gebaut ergo dürfte die ursprüngliche Bestimmung der Quarzsandabbau zu Glasherstellung, vielleicht später zur Gussformenproduktion, gewesen sein. Tatsächlich findet sich an gegenüber liegender Position auch im Wald, wenige Meter vom Mundloch entfernt, ein alter klassischer Sandbruch-Tagbau. Auf der Siegfriedkarte 1885 wird eine Strasse sichtbar die genau ins alte Bergwerk führt naheliegend also das die ursprüngliche Nutzung Quarzsandgewinnung war.

Eines der Hauptmundlöcher scheint in neuerer Zeit wieder geöffnet worden zu sein. Bequem erreichten wir über diese Öffnung beide Hauptsysteme wobei uns im nördlich gelegenen Stollenwerk wieder die merkwürdig anmutenden Backsteinwänden, wie bekannt vom Schupfen, begegnen.

Stollen Neuparadies

Die Backsteinwände trennen auch hier die grösseren Hallen voneinander. Die eingelassenen Türrahmen lassen auf neuere Zeit schliessen. Alleweil wären diese Unterteilungen alles andere als Praktisch gewesen zum Abtransport des Quarzsandes umso mehr als doch,  aus der Innenperspektive, weitere sehr breit geschlagene, heute jedoch verstürzte, Mundlöcher sichtbar wurden. Es dürften vielleicht gar grosse Fuhrwerke im Stollenwerk zur Beladung gewartet haben. Die Backsteinwände müssen also eine Spätere Verwendung gehabt haben.

Stollen Neuparadies

Auch hierbei, gleich wie im Schupfen, ein umfangreiches Belüftungssystem, enge Stollen welche von allen Haupthallen steigend an Tag führt.

Stollen Neuparadies

Im wilden Zickzack müden alle Belüftungsstollen nahe den Hauptmundlöchern, rund 10 Metern oberhalb.

Stollen Neuparadies

Die Bewetterung schien damals hier wie bereits im Bergwerk Schupfen ein wichtiges Thema zu sein. Die kleinen Stollen, selten Mannshoch, erreichen Sportliche Gesamtlängen von rund 130 Metern.

Im Wiederspruch dazu sind die Hallen eher klein dimensioniert. Somit kommen mir Zweifel auf ob die kleinen Stollen zu Abbauzeiten oder später angelegt wurden.

Die Halle Süd ist ebenfalls über das neu aufgewältigte Mundloch erreichbar. Im Innern findet sich auch wieder ein verstürztes noch viel grösseres Mundloch was auf die Haupterschliessung deutet. Diese Halle ist, im Unterschied zum Nordteil, deutlich länger und mit zwei Bewetterungsstollen ausgestattet. In dieser Halle sind keine Backsteintrennwände eingebaut indes finden sich an der Stollenwand interessante Vertiefungen in Form robuster Kanthölzer.  GIS Thurgau nennt Stelle des Stollenwerks per Flurnamen „Pierchäller“ der gegenüberliegende Sandbruch wiederum heisst nach GIS Thurgau „Sandgrueb“. Die Geschichte mit dem Bierkeller scheint in diesem Zusammenhang durchaus Plausibel könnten doch einst die Kanthölzer schwere Fässer getragen haben. Die Geotopauflistung des Thurgaus wiederum nennt dies Bauwerk ein alter Eiskeller. Alle samt und noch viele mehr könnten Recht haben doch erstmals zum Grubenplan.

Grubenplan Stollen Neuparadies

Grubenplan gross machen, Grubenplan anklicken

Der Grubenplan kennt ein eindeutiges noch bequem passierbare Mundloch welches beide Haupthallen erschliesst. Die beiden grösseren Hauptstollen zu den grossen Hallen Süd und Nord sind indessen eindeutig Verstürzt. Wahrscheinlich sind alle Wetterstollen durchgängig, Termik ist an allen Vieren auszumachen jedoch verengt sich das Stollenprofil zunehmend so das der Stollen kaum noch bis Tag befahren werden kann. Nahe Tag findet sich allerlei Walderde am Stollenboden.

Da mir ein passendes Bild, von Gina abgelichtet, zuteil wird, kleine Erklärung über die Entstehung allerlei Grubenplänen die auf meinen Seiten Platz finden.

Die Machart dieser Zeichnungen kann durchaus eine gewisse Genauigkeit beinhalten. Während mache Zeichnungen rein aus meinem Köpfchen entstehen ist diese wie so mach andere Zeichnung als Massstabsgetreu zu erachten.

Ein Teamwork macht letztlich die gesamte Erkundung und deren Erkenntnisse aus. Der Stollenplan hierbei, ein zweifelsohne wichtiger Bestandteil, zur Stollenerkundung.

Stollenvermessung

Matti, hierbei mit Laservermessungsgerät und Kompass, zeichnet auf einem handskizierten Grubenplan Länge und Richtung verschiedener Messstrecken ein.

Ich wiederum bilde aus all den Messstrecken ein Massstabsgetreues Netz auf Visio oder CAD. Nach Übertragung aller Strecken zeichne ich den Stollenverlauf innerhalb des Datennetzes es entsteht so ein Grubenplan welcher zwar Ungenaues beinhalten kann doch grob dem Befahrenem entspricht.

So sind einige auf meinen Seiten niedergelegte Grubenpläne entstanden.

Erkenntnisse  zu den Untertagssandgruben Neuparadies

Die Datierung des Werks setzte ich auf 1840,

dafür spricht,
die Siegfriedkarte stand 1885 kennt eine gerade Zufahrtsstrasse zu dem Untertagewerk. Auf der Dufourkarte stand 1850 ist indessen nichts vermerkt. Ich glaube das diese Zufahrtsstrasse für Dufour und seine Zeichner zu unbedeutend war, in tat und Wahrheit stand das Werk bereits an besagter Stelle.

Das Werk könnte indes durchaus auch älter sein. Der Blick ins nähere Gelände um 1885 zeigt keinerlei Hinweis auf ein Glaswerk oder Verwandtes.  Nahe des Sandbruches findet sich das Kloster Paradies. Mit etwas Fantasie lässt sich das Sandbruchsträsschen bis ins Kloster begradigen. Vielleicht machten Klosterfrauen edles Glas zu alten Zeiten.

1253 legte der Klarissen-Orden den Grundstein für das Kloster. Nachdem im Jahre 1836 der Klosterbetrieb eingestellt wurde kaufte die Georg Fischer AG im Jahre 1918 die gesamte Anlage inklusive der etwa 50 Hektar grossen Landwirtschaftsfläche.

Die Georg Fischer AG entwickelte in jener Zeit ein unstillbarer Hunger nach sämtlichen Naturprodukten die der Eisenherstellung dienten. Formensand war solch ein begehrter Stoff.

Auf den Siegfriedkarten bis 1910 führt die Strasse in das Stollensystem. Ab 1915 endet die Zufahrtstrasse  statt im Stollenwerk neu an der Position Sandgrueb. Zu jener Zeit entsteht auch die Ziegelei Schlatt heute Keller-Systeme auch dies Werk konnte wahrscheinlich den feinen Quarzsand ganz gut gebrauchen zur Herstellung glasierter Produkte.

Fest steht, 1915 beschloss man in gegenüberliegender Bachtobelseite per Tagbau Quarzsand zu gewinnen der Flurname „Sandgrueb“ spricht dafür. Wahrscheinlich war somit eine Umnutzung der Unterirdischen Bauten angesagt. Ein Bierkeller könnte eine dieser Umnutzungen gewesen sein. Mit der Ziegelei kam die Bahn und mit der Bahn das nahegelegene Hotel Bahnhof. Wo viel Ziegel gebrannt wurden, war auch der Bierdurst nicht minder. Auch mit eine Erklärung wieso die Räumlichkeiten einst zumal mit Türen ausgestattet waren.

Sicher ist, wir wissens nicht so genau.

Quellen Fotos:
Gina, Luisa

Grubenplan:

Matti, Luisa

Rodebärger Tiefsichten

In nördlicher Hangseite des Rodebärgs findet der Aufmerksame,  Spuren althergebrachter Sandabbauten. Oberhalb des Restaurants Schupfen im Wald sind noch heute tief gegrabene Mulden im Waldboden auszumachen die auf einen alten Stein, respektive Sandbruch hindeuten. Die Siegfriedkarte kennt an besagter Position 701125 / 281130 deren 3 grosse Einbuchtungen. Im Gelände wird schnell klar an diesen Tagbaueinschnitten waren einst Stollen getrieben worden. Zwei solch Stollenwerke erscheinen Eindeutig. Westseitig noch heute eine kleine Absenkungslinse an Verschüttungsstelle sichtbar. Ostseitig gar findet sich eine vergitterte Zementröhre an Position des  vermuteten Mundlochs. Ein Ausleuchten des Röhrenendes zeigt Eindeutiges, die Röhre mündet wahrscheinlich am Mundloch eines Untertagebruchs. Da wir indes das Gitter nicht öffnen könnten stützte sich diese Aussage auf eine nicht bewiesene Vermutung.  Nahe der Röhre findet sich eine zweite Absenklinse die auf ein weiteres ehemaliges Mundloch hindeutet.

Unser Interesse indes galt dem Stollenwerk West, welches, so wurde mir zugetragen, über einen alten Wetterstollen erreichbar wäre.

Bergwerk Schupfen

Der Wetterstollen war schnell gefunden und so konnten wir den Abstieg in dies Unterwerk wagen. Der Zustand der Haue überraschte positiv. Unter Baumwurzeln fest Armiert führt das Bauwerk nach kurzer Waldbodenstrecke in festen Sandstein. Der Boden ist ausgekleidet mit weichem Sand wie wir diesen von oft beträumten Südseestränden kennen.

Bergwerk Schupfen

Nach rund 3 Metern folgt ein doppelter Rundbogen welcher einige Fragen aufwirft. Der Rundbogen, respektive die zwei Rundbögen sind seitlich in leichtem Abstand zueinander angeordnet so als wäre einst Zwischendrin ein robuster Holzrahmen eingelassen. Auch hat der Rundbogen keine zentrale Stützfunktion, zu robust erscheint der Sandstein vor und nach dem Bogen was wiederum die These der Türe oder eines Gitters erhärtet. Auch möglich das dieser Bogen eher neuer um die 40er Jahre des letzen Jahrhunderts entstand. Einst stand an Stelle der Gaststätte Schupfen ein Ziegelwerk, so will es die Siegfriedkarte Stand 1883 wissen. Die im Bogen verbauten Backsteine könnten von dortiger Produktion stammen. Möglich das diese Steine eingelagert im Ziegelwerk herumstanden und zu spätem Zeitpunkt im Stollenwerk verbaut wurden um ein abschliessbarer Felsenkeller einzurichten. Backsteine neuerem Datums tauchen auch in den Haupthallen auf.

Bergwerk Schupfen

Der Stollen indes dürfte aus alten Tagen stammen. Die Minidimensionen, kaum Schulterbreite und selten höher als 1.20 Meter lassen, auf anfang 19tes Jahrhundert oder gar älter schliessen. Teilweise finden sich schöne Schrämspuren im weichen Sandstein.

Bergwerk Schupfen

Hin und wieder kreuzt eine scheue Kohleschicht das ovale Stollenprofil. Indes, schnell wird klar, Kohle war nicht Sinn und Zweck dieser Unterwelten.

Der enge Stollen mündet in einer grossen Halle die eine Fledermaus zu gemütlichem Winterschlaf nutz. Der Raum offenbart eindeutig die Ursprungsbestimmung dieser Anlage. Einst war Sand begehrtes Gut dieses Werkes. Wahrscheinlich ursprünglich als Tagebau beginnend gewann der Einschnitt zunehmend an Tiefe. Man entschied sich zum Stollenbau. Zur Belüftung dienten die kleinen Stollen von denen baldig wieder solch zwei Werke im Hallenende unsere Neugierde beflügelten.

Bergwerk Schupfen

Der Zweite Stollen, welcher im Hallenende auf uns wartete, war auch, wie wir baldig feststellten, zur Bewetterung gebaut worden. Nur war dieser deutlich steiler verlaufend und einiges  enger geschlagen. Alleweil steig auch dieser Stollen irgendwo zum Waldboden heraus. Bei Gelegenheit linker Hand ein weiteres Mysterium noch ein Ministollen dieser einmündend in unseren Einstiegsstollen kurz vor dem Rundbogen.

Bergwerk Schupfen

Die grosse Halle hat, über einen grösseren  Stollen, Anschluss an eine weitere Halle. Auch diese Halle wird von einzelnem Flattertier bewohnt welches sich des Winterschlafs erfreut. Interessant am erstmals geglaubtem Ende des Bauwerks, eine Backsteinwand mit Türöffnung. Der Türausschnitt ist mit Sand innen wie ausserhalb fast zugefüllt. Der Sandhügel, unter dem Türsturz blickend, steigt sichtlich empor. Indes ist deren Ende wie auch die mögliche Stollendecke nicht auszumachen. Von wo der Sand auf der Wandinnenseite, unsere Seite, stammen könnte bleibt ein Rätsel. Klar ist, unter der Türe findet sich eine grosse Versturzmasse die vermutlich mittels Schaufel überwindbar sein könnte.

uGrubenplan Bergwerk Schupfen

Bei Betracht des Geländes wird klar, wir kennen nur ein Bruchteil des Stollenwerkes. Wahrscheinlich wurde der Hauptabbaustollen U-Förmig in den Berg getrieben. Am Ende des Us waren die Wetterstollen, respektive Wetterschrägschächte platziert. Die zwei in unterschiedlicher Höhe an Tag tretenden Belüftungsstollen lassen auf ein ausgeklügeltes Belüftungssystem schliessen. Wahrscheinlich war einst auch bei geschlossener Türe die Belüftung von Nöten. Die Wand in welcher der Türausschnitt zu finden ist deutet auf neueres Datum hin. Mit Hohlbacksteinen, bekannt aus 1940 plus, ist diese Mauer geklebt. Die Backsteine wiederum sind keineswegs von hoher Qualität, ich vermute Ausschussware aus nahegelegene Zieglerei. Vielleicht war in diesem Teil tatsächlich ein Felsenkeller untergebracht, gar ein Partykeller welcher die Bewohner, Nutzer, der ehemaligen Zieglerei nutzten. Das Wetter war bei unserer Befahrung exzellent und die Temperatur, für winterliche Verhältnisse, mollig warm.

Auch geheimnisumwittert der abgebaute Sand. Die Nähe zur Zieglerei, wie dies die Siegfriedkarte weiss, lässt viel eher auf Lehm schliessen. Lehm indessen begegnet uns keiner weder auf noch Untertage. Am Gegenufer des Rheins, auf Deutschem Gebiet, findest sich der Flurname Gaishütte ob dies eine Glashütte war? Vielleicht brauchten gar die Leute der Schupfenbleiche Unmengen an feinem Quarzsand.

Eines indes ist heute bekannt, am Südhang des Rodebärgs war vor langer Zeit Sand zum Formenbau im Tagbau gefördert worden.