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Neuparadiesische Unterwelten

Wieder einst Unterwelten und wahrlich Geheimnisvolle standen Samstagnachmittag an. Genannt die keiner-weiss-so-recht-Unterwelten Neuparadies in Thurgauer Gemeinde Schlatt.

Mundloch Stollen Paradies

Zu viert, erkundeten am letzten Samstag wir dies Unterwerk sehr detailiert, die Zeit untertags verstrich im Fluge.

Das Stollenwerk ist, obwohl verschiedentlich von breiter Erwähnung gesprochen wird, eher unbekannter Herkunft. Somit bleibt auch meine Datierung, um 1840 entstanden, eine Annahme.

Klar ist, die ausgedehnten Stollenbauten sind auf, respektive, in Sand, gebaut ergo dürfte die ursprüngliche Bestimmung der Quarzsandabbau zu Glasherstellung, vielleicht später zur Gussformenproduktion, gewesen sein. Tatsächlich findet sich an gegenüber liegender Position auch im Wald, wenige Meter vom Mundloch entfernt, ein alter klassischer Sandbruch-Tagbau. Auf der Siegfriedkarte 1885 wird eine Strasse sichtbar die genau ins alte Bergwerk führt naheliegend also das die ursprüngliche Nutzung Quarzsandgewinnung war.

Eines der Hauptmundlöcher scheint in neuerer Zeit wieder geöffnet worden zu sein. Bequem erreichten wir über diese Öffnung beide Hauptsysteme wobei uns im nördlich gelegenen Stollenwerk wieder die merkwürdig anmutenden Backsteinwänden, wie bekannt vom Schupfen, begegnen.

Stollen Neuparadies

Die Backsteinwände trennen auch hier die grösseren Hallen voneinander. Die eingelassenen Türrahmen lassen auf neuere Zeit schliessen. Alleweil wären diese Unterteilungen alles andere als Praktisch gewesen zum Abtransport des Quarzsandes umso mehr als doch,  aus der Innenperspektive, weitere sehr breit geschlagene, heute jedoch verstürzte, Mundlöcher sichtbar wurden. Es dürften vielleicht gar grosse Fuhrwerke im Stollenwerk zur Beladung gewartet haben. Die Backsteinwände müssen also eine Spätere Verwendung gehabt haben.

Stollen Neuparadies

Auch hierbei, gleich wie im Schupfen, ein umfangreiches Belüftungssystem, enge Stollen welche von allen Haupthallen steigend an Tag führt.

Stollen Neuparadies

Im wilden Zickzack müden alle Belüftungsstollen nahe den Hauptmundlöchern, rund 10 Metern oberhalb.

Stollen Neuparadies

Die Bewetterung schien damals hier wie bereits im Bergwerk Schupfen ein wichtiges Thema zu sein. Die kleinen Stollen, selten Mannshoch, erreichen Sportliche Gesamtlängen von rund 130 Metern.

Im Wiederspruch dazu sind die Hallen eher klein dimensioniert. Somit kommen mir Zweifel auf ob die kleinen Stollen zu Abbauzeiten oder später angelegt wurden.

Die Halle Süd ist ebenfalls über das neu aufgewältigte Mundloch erreichbar. Im Innern findet sich auch wieder ein verstürztes noch viel grösseres Mundloch was auf die Haupterschliessung deutet. Diese Halle ist, im Unterschied zum Nordteil, deutlich länger und mit zwei Bewetterungsstollen ausgestattet. In dieser Halle sind keine Backsteintrennwände eingebaut indes finden sich an der Stollenwand interessante Vertiefungen in Form robuster Kanthölzer.  GIS Thurgau nennt Stelle des Stollenwerks per Flurnamen „Pierchäller“ der gegenüberliegende Sandbruch wiederum heisst nach GIS Thurgau „Sandgrueb“. Die Geschichte mit dem Bierkeller scheint in diesem Zusammenhang durchaus Plausibel könnten doch einst die Kanthölzer schwere Fässer getragen haben. Die Geotopauflistung des Thurgaus wiederum nennt dies Bauwerk ein alter Eiskeller. Alle samt und noch viele mehr könnten Recht haben doch erstmals zum Grubenplan.

Grubenplan Stollen Neuparadies

Grubenplan gross machen, Grubenplan anklicken

Der Grubenplan kennt ein eindeutiges noch bequem passierbare Mundloch welches beide Haupthallen erschliesst. Die beiden grösseren Hauptstollen zu den grossen Hallen Süd und Nord sind indessen eindeutig Verstürzt. Wahrscheinlich sind alle Wetterstollen durchgängig, Termik ist an allen Vieren auszumachen jedoch verengt sich das Stollenprofil zunehmend so das der Stollen kaum noch bis Tag befahren werden kann. Nahe Tag findet sich allerlei Walderde am Stollenboden.

Da mir ein passendes Bild, von Gina abgelichtet, zuteil wird, kleine Erklärung über die Entstehung allerlei Grubenplänen die auf meinen Seiten Platz finden.

Die Machart dieser Zeichnungen kann durchaus eine gewisse Genauigkeit beinhalten. Während mache Zeichnungen rein aus meinem Köpfchen entstehen ist diese wie so mach andere Zeichnung als Massstabsgetreu zu erachten.

Ein Teamwork macht letztlich die gesamte Erkundung und deren Erkenntnisse aus. Der Stollenplan hierbei, ein zweifelsohne wichtiger Bestandteil, zur Stollenerkundung.

Stollenvermessung

Matti, hierbei mit Laservermessungsgerät und Kompass, zeichnet auf einem handskizierten Grubenplan Länge und Richtung verschiedener Messstrecken ein.

Ich wiederum bilde aus all den Messstrecken ein Massstabsgetreues Netz auf Visio oder CAD. Nach Übertragung aller Strecken zeichne ich den Stollenverlauf innerhalb des Datennetzes es entsteht so ein Grubenplan welcher zwar Ungenaues beinhalten kann doch grob dem Befahrenem entspricht.

So sind einige auf meinen Seiten niedergelegte Grubenpläne entstanden.

Erkenntnisse  zu den Untertagssandgruben Neuparadies

Die Datierung des Werks setzte ich auf 1840,

dafür spricht,
die Siegfriedkarte stand 1885 kennt eine gerade Zufahrtsstrasse zu dem Untertagewerk. Auf der Dufourkarte stand 1850 ist indessen nichts vermerkt. Ich glaube das diese Zufahrtsstrasse für Dufour und seine Zeichner zu unbedeutend war, in tat und Wahrheit stand das Werk bereits an besagter Stelle.

Das Werk könnte indes durchaus auch älter sein. Der Blick ins nähere Gelände um 1885 zeigt keinerlei Hinweis auf ein Glaswerk oder Verwandtes.  Nahe des Sandbruches findet sich das Kloster Paradies. Mit etwas Fantasie lässt sich das Sandbruchsträsschen bis ins Kloster begradigen. Vielleicht machten Klosterfrauen edles Glas zu alten Zeiten.

1253 legte der Klarissen-Orden den Grundstein für das Kloster. Nachdem im Jahre 1836 der Klosterbetrieb eingestellt wurde kaufte die Georg Fischer AG im Jahre 1918 die gesamte Anlage inklusive der etwa 50 Hektar grossen Landwirtschaftsfläche.

Die Georg Fischer AG entwickelte in jener Zeit ein unstillbarer Hunger nach sämtlichen Naturprodukten die der Eisenherstellung dienten. Formensand war solch ein begehrter Stoff.

Auf den Siegfriedkarten bis 1910 führt die Strasse in das Stollensystem. Ab 1915 endet die Zufahrtstrasse  statt im Stollenwerk neu an der Position Sandgrueb. Zu jener Zeit entsteht auch die Ziegelei Schlatt heute Keller-Systeme auch dies Werk konnte wahrscheinlich den feinen Quarzsand ganz gut gebrauchen zur Herstellung glasierter Produkte.

Fest steht, 1915 beschloss man in gegenüberliegender Bachtobelseite per Tagbau Quarzsand zu gewinnen der Flurname „Sandgrueb“ spricht dafür. Wahrscheinlich war somit eine Umnutzung der Unterirdischen Bauten angesagt. Ein Bierkeller könnte eine dieser Umnutzungen gewesen sein. Mit der Ziegelei kam die Bahn und mit der Bahn das nahegelegene Hotel Bahnhof. Wo viel Ziegel gebrannt wurden, war auch der Bierdurst nicht minder. Auch mit eine Erklärung wieso die Räumlichkeiten einst zumal mit Türen ausgestattet waren.

Sicher ist, wir wissens nicht so genau.

Quellen Fotos:
Gina, Luisa

Grubenplan:

Matti, Luisa

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